Suche nach gestohlener Zeit

Ich bemerkte den Verlust erst, als es zu spät war.
Ein Großteil meiner Zeit war weg.
Gestohlen, und die Diebe über alle Berge.

Was tun? Rechtliche Maßnahmen ergreifen?
Zivilrechtliche? Strafrechtliche?
Einen Detektiv mit der Wiederbeschaffung beauftragen?

Was hatten die Zeitdiebe mit meiner Zeit wohl vor?
Kam sie auf ein Zeitkonto, um Zeitgewinne zu erzielen?
Gab es eine Zeitbörse, gab es Zeitaktien, Zeitfonds?
Verschacherte ein Hehler meine Zeit schon an Interessenten mit Zeitmangel?
Wartete ein Zeitdealer schon im Stadtpark auf Zeitsüchtige?
Hatten die Diebe im Auftrag eines reichen Sammlers gehandelt, der gestohlene Zeit in einem Safe einschloss, um immer wieder ein Stück davon herauszuholen und ungestört zu genießen?
Waren die Diebe Mitglieder einer Zeitmafia und hatten meine Zeit schon bei ihrem Paten abgeliefert?
Vielleicht sollte ich die Suche nach der gestohlenen Zeit besser unterlassen.

Es läutete. Ich öffnete die Tür. Vor mir stand Ella.
Sie sagte, sie hätte etwas Zeit für mich übrig.
Ich bat sie herein und teilte die mitgebrachte Zeit mit ihr.
Die Zeit mit ihr zu teilen empfand ich nicht als Verlust, im Gegenteil.
Ich schlug ihr vor, mit übriger Zeit immer zu mir zu kommen.
Sie war einverstanden.
Die Aussicht, die verlorene Zeit in Raten zurück erhalten, machte mich zufrieden.
Allemal besser, als sich in Auseinandersetzungen mit Mafiabanden einzulassen.

Mein Blog

01.09.11: endlich ein schachprogramm gefunden, das schlechter spielt als ich; 8 spiele, 7 gewonnen, 1 remis; gleich lesezeichen gesetzt, bald wieder; mail an mia; warte gespannt auf antwort

10.09.11: kein post im blog seit 9 tagen; noch keine mail von mia, würde gleich nach eingang antworten, kam aber bisher nichts; schachprogramm wird langweilig

19.09.11: abstimmung im internet entdeckt, song-wettbewerb; habe den von lina angeklickt, der hatte noch nicht viel stimmen; zu recht, mäßiger song, mäßige sängerin; wenn sie schon selbst keine stimme hat, soll sie wenigstens meine haben; warte schon 18 tage auf mia-mail; brauchte 16 züge bis zum matt gegen das programm

25.09.11: forum proLina gefunden; wenig los, passt zum song und zur sängerin; gleich registriert (als 9ter) und beitrag gepostet: niemand hat eine so süße strähne über dem linken ohr wie lina; seit 24 tagen keine mia-mail; 13 züge bis zum matt

30.09.11: forum besucht; die strähne von lina gefällt auch anderen; jetzt schon 37 mitglieder; seit 29 tage keine mail von mia; heute kein schach

02.10.11: neues lina-bild im forum; strähne jetzt farblich hervorgehoben und glänzend; presse berichtet mit positiver würdigung der strähne; 201 forumsmitglieder; warte schon 32 tage auf mail von mia; habe schachprogramm gewinnen lassen, vielleicht macht ihm das mut

05.10.11: schon 4219 im forum; habe aufruf zum strähnentreffen gepostet; vorschlag: strähnen grün tönen; selbstverpflichtung angeregt, jeder besorgt 99 stimmen für lina; keine mia-mail seit 35 tagen; schachprogramm immer noch nicht verbessert, 12 züge bis zum matt

08.10.11: strähnentreffen war gigaerfolg; mehr als 10000 teilnehmer (polizeischätzung, meine schätzung: mehr als 40000), alle mit grün getönter lina-strähne; massenhaft medien, jede menge berichte; die strähne fast überall ganz vorn; im forum jetzt schon 238978 mitglieder; aufrufe zur gründung eines lina-fanclubs im forum; video mit lina wird realisiert, ist ähnlich aufregend wie der song; kein schach, keine mia-mail seit 38 tagen

10.10.11: lina-fanclub gegründet; wurde als vorsitzender bestimmt; habe aufkleber für mitglieder vorgeschlagen, grüne strähne auf schwarzem hintergrund, goldener rand, haftet auch auf haut; vorschlag wurde begeistert aufgenommen; alle mitglieder sollen den lina-song in allen musiksendungen wünschen; keine mail von mia seit 40 tagen; suche neues schachprogramm

11.10.11: lina-song zu allen zeiten in allen sendern; lina-video auf youtube, bereits 1455347-mal aufgerufen; 896733 downloads; song wird deutscher beitrag für den europäischen song-contest; 3 autofirmen und 5 hersteller von haarfarben wollen lina für werbespots; bin jetzt auch manager von lina; verhandlungen mit den firmen laufen optimal; keine mail von mia, zähle tage nicht mehr; noch kein besseres schachprogramm gefunden

12.10.11: 1897656 mitglieder im forum, 1434779 im fanclub; mail von mia mit bild, sie hat jetzt auch eine grün getönte strähne und möchte ein autogramm von lina; 2354769 aufrufe des videos, 1567487 downloads; habe die mail von mia gelöscht; keine zeit mehr für schach

13.10.11: eine blöde dänische tussy, blaue strähne mit roten streifen, gewinnt den song-contest; ihr song ist weitgehend vom lina-song abgekupfert; songwriter bestreitet das, nennt solche vorwürfe abstrus, verweist auf die andere strähnenfarbe und die roten streifen; firmen nicht mehr an werbevideos mit lina interessiert, vertragsverhandlungen abgebrochen

14.10.11: fast keine aktivitäten mehr im forum; draußen kaum noch leute mit grün getönter strähne, jetzt wohl fast alle blau mit roten streifen; lege den vorsitz des fanclubs nieder, neuwahl nicht möglich, weniger als 7 mitglieder übrig; habe jetzt wieder zeit für schach, suche verstärkt ein besseres programm; denke über sms an mia nach

Ein neuer Stern wird geboren

P(roduzent): Ich brauche einen Song für einen Song-Contest, hast du was für mich oder kannst du was für mich machen?
K(omponist): Ich arbeite gerade an einem, könnte ich fertig machen, bis wann?
P: Bis gestern natürlich, kennst du doch. Lass hören, was du schon hast.
K: Ich seh dich vor mir mitten in der Nacht, ich seh dich auch am frühen Morgen, was hast du nur mit mir gemacht, mein armes Herz ist voller Sorgen.
P: Viel zu kompliziert! Einfacher, die Kleine muss auswendig singen (kein Teleprompter!).
K: Warum soll gerade die den Song vortragen?
P: Sie lächelt so süß; es hat einfach was, wenn sie mit der Hand über ihr Haar streicht und die Hand hinter dem Ohr zur Ruhe kommt.
K: Ok, also gut, einen ganz einfachen Text.
P: Und bloß nichts mit Sorgen und so!
K: Da hätte ich noch was am machen: Allein kamst du zu mir, allein standst du vor meiner Tür, ich habe dir gleich aufgemacht und du hast froh gelacht. Da könnt ich ja noch was dran hängen.
P: Wozu was dran hängen? Das passt doch! Genau das suche ich! Da fehlt jetzt nur noch ein einfacher Refrain von der Sorte: einmal hören und JEDER kann mitsingen!
K: Da hätt ich was von einem andern Song, an dem ich arbeite: Du hast mich bekommen, du hast mich genommen, du bist jetzt benommen, das ist ok.
P: Ja!!! Bingo!!! Das ist gut so!
K: Das ist gut so hatte ich auch zuerst, aber mit ok kann man es besser singen.
P: Ok. Mach jetzt da noch die Melodie dazu, aber denk dran: Einfache Melodie, muss ja live gesungen werden, die singt sonst nur im Schulchor, also maximal 5 verschiedene Töne, Tonbereich Hänschen klein.
K: Also einfach wie Hänschen klein oder Alle meine Entchen.
P: Nein, nicht alle meine Entchen, da ist ein Ton zu viel! Und die Begleitung so einfach wie möglich, bei der Vorstellung des Songs will der Moderator mit der Ukulele begleiten.
K: Also höchstens drei verschiedene Akkorde!
P: Genau. Jetzt brauchen wir noch einen Künstlernamen für mein Girlie, maximal 4 Buchstaben, da ist ja nicht mehr viel frei, oder?
K: Wie wäre es mit Leda?
P: Göttlich!

Mordlust

1.
Sie hatte es verdient.
So wie sie ihn verspottet hatte.
Hochnäsig. Gehässig.
Lara lachte nur, als er wütend wurde.
Es amüsierte sie, als er die Hände nach ihrem Hals ausstreckte.
Ihr Lachen wurde noch lauter, noch schriller.
Adi erwachte schweißgebadet und völlig erschöpft.
Er tastete nach seinem Wecker und schaltete den Alarm aus.
Seine schrillen Weckschreie verstummten.

2.
Am Anfang hatte Adi viel Zärtlichkeit für Lara.
Er nahm die Zärtlichkeit mit in den Schlaf.
Die Zärtlichkeit bestimmte seine Träume.
Ein Rest dieser Zärtlichkeit blieb noch nach dem Wecken übrig.
Er brachte diese Zärtlichkeit in Tagträume ein.
Führte sie in realen Handlungen fort.
Adi begann, Lara’s Gewohnheiten zu studieren, ihren Tagesablauf zu erkunden.
Manchmal folgte er ihr in sicherem Abstand.
Noch fehlte ihm der Mut sie anzusprechen.

3.
Irgendwann entglitten die Träume.
Die mitgenommene Zärtlichkeit reichte nicht mehr für eine ganze Nacht.
Immer öfter endeten die Träume in schlimmen Szenen.
Statt eines Restes an Zärtlichkeit nahm er Wut mit in die Tagträume.
Adi erforschte weiter ihren Tagesablauf, jetzt aber mit anderem Ziel.
Zunächst unbewusst, dann wurde es ihm klar.
Er suchte nach einer Gelegenheit, Gerechtigkeit walten zu lassen.
Lara zukommen zu lassen, was sie verdient hatte.
Sie zu bestrafen für ihre Bösartigkeit, ihren Hohn, ihren Spott.
Seine Lust auf Zärtlichkeit ging über in Mordlust.

4.
Der Tag der Gerechtigkeit war gekommen.
Adi wusste das gleich nach dem Aufwachen.
Zu schlimmes Übel war ihm im Traum widerfahren.
Schon wach sah er noch immer ihren spöttischen Blick.
Hörte ihren Hohn und ihr schrilles Lachen.
Es war höchste Zeit, dem Übel ein Ende zu bereiten.
Er wusste, welchen Weg sie heute gehen würde.
An einer geeigneten Stelle bezog er Posten.
Lara kam auch, aber nicht aus der erwarteten Richtung.
Sie stand plötzlich hinter ihm.
Er spürte etwas, drehte sich um und erschrak.
Er fühlte sich plötzlich wie in Eis gehüllt.

5.
Lara stand da und lächelte ihn aufmunternd an.
„Hi!“
Welch schöne, sanfte, wohlklingende Stimme sie hatte.
„Ich habe dich schon oft gesehen, wohnst du hier?“
Adi nickte verwirrt, ohne einen Ton über die Lippen zu bringen.
„Wir könnten uns doch ab und zu treffen!“
Er nickte wieder zögernd.
„Ich gehe Eis essen, kommst du mit?“
Er fühlte, wie seine Haut sich kräuselte.
Schüchtern näherte er seinen Blick ihren Augen.
Sie strahlte ihn aufmunternd, geradezu liebevoll an.
„Ich glaube, du könntest mir gefallen!“
Adi spürte, wie er errötete, wie ihm abwechselnd heiß und kalt wurde.
Seine zur Gerechtigkeit bereiten Arme und Hände wurden schlaff.
Er versuchte, etwas zu sagen.
Es gelang ihm nicht.
Die Angst, nur sinnloses Gestammel heraus zu bringen, lähmte ihn.
Hilflos hob Adi die Schultern, ließ sie wieder sinken, drehte sich um und flüchtete mit hochrotem Kopf.