Langsamkeit
- At Oktober 14, 2023
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Alles in der Natur geschieht langsam. Der Baum braucht Jahrzehnte, um stark und mächtig zu werden; die Städte, die der Natur noch nahe sind, bildeten sich in Jahrhunderten; Flußtäler sind das Werk von Jahrtausenden, und die Gebirge brauchen Jahrmillionen, um empor zu wachsen. Die Natur kennt keine Hast. Der Mensch erst hat die Hast in die Welt gebracht. Der Mensch der Großstadt ist ein Sklave der Hast. Alles will er überstürzen: Atmen, Gehen, Sprechen, Essen, Schreiben, Lesen – nichts geschieht mehr in der gelassenen Ruhe, mit der die Blumen wachsen, die Rehe äsen, die Flüsse dahinziehen. „Zwinge dich zur Langsamkeit!“ sagt Novalis. In der Langsamkeit liegt das Geheimnis des Reifens. Reifen braucht Zeit, ob es Früchte sind oder Staaten oder große Gedanken.
Helmuth Presser: „Der stille Weg“
Vorfrühling
- At Oktober 14, 2023
- By udo
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Aus tiefem Schlaf erwacht
liegt er auf der Lauer.
Steif reibt er sich harsche Schneereste
aus dem Gesicht.
Geduldig erwartet er die erste weiche Brise,
die die tauwassernasse Luft nach Norden drängt.
In anschwellenden Zweigen verbirgt er sich
vor dem scharfen Nachtatem des Winters.
Geruch der Erde,
Gesang der Vögel,
immer leichter wird die Welt.
düsternis die mich umgibt
- At Oktober 14, 2023
- By whitelady
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Finster ist diese Nacht,
hat so eine ungeheure Macht.
Wenn der Mond erscheint,
strahlt alles im düsteren Glanz,
bittet mich, um einen letzten Tanz.
Bin so wahnsinnig schwach,
habe immer Angst,
doch irgendwann kommt,
der Tag, wo ich wieder lach.
Flammen der Sehnsucht,
die ich spüre, komm zu mir,
damit ich Dich verführe.
whitelady
Nah
- At Oktober 14, 2023
- By nachtigall
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Etwas löste sich vom Grund,
scheinbar grundlos.
Etwas Grundsätzliches
verwob sich mit dem, was aufstieg.
Es war nicht der Schnee der Tage
und nicht der Wind der Nacht.
Etwas löste sich,
weil du es in die Hand nahmst.
Der Unfall
- At Oktober 14, 2023
- By udo
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In dem Augenblick, in dem er spürte, wie der Vorderreifen die Straßenhaftung verlor, sah er die Sandspur auf dem trockenen Asphalt.
Wie glühendes Blei ergoss sich der Schrecken, von seinem Nacken ausgehend, gleichmäßig in seinen gesamten Körper.
Seltsam gefasst aber registrierte er, wie sein Motorrad die Leitplanke touchierte und ihn der Aufprall aus dem Sattel katapultierte.
Er vernahm zwar einen dumpfen Schmerz an seinem rechten Bein, fühlte sich aber gleichzeitig eigenartig frei und leicht.
Das Gras in dem Straßengraben unter ihm leuchtete zart und weich in der lauen Abendsonne.
Er roch das klare Wasser des sich hinter den dunklen Bäumen dahin ziehenden Baches.
Die Luft, die er in diesem Augenblick in seine Lungen sog, schmeckte nach Sommer und Leben.
Niemals zuvor war ihm dieses Leben so begehrenswert, kostbar und stimmig erschienen als jetzt, da es unerwartet schnell zu Ende ging.
Es war, als hätte er mit dem Aufprall an der Fahrbahnbegrenzung endlich die dünne Folie durchstoßen, in die er sein ganzes bisheriges Leben gewickelt war.
In dem Sekundenbruchteil, in dem er spürte, wie er mit seiner Wirbelsäule auf dem mit bunten Flechten bewachsenen Felsen aufschlug, riss ihn der Radiowecker aus dem Schlaf.
Es lief Phil Collins.