der stein
- At Oktober 14, 2023
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ein kleines steinchen rollte munter
von einem hohen berg herunter.
und als es durch den schnee so rollte,
ward es viel grösser als es wollte.
da sprach der stein mit stolzer miene:
‚jetzt bin ich eine schneelawine‘.
er riss im rollen noch ein haus
und sieben grosse bäume aus.
dann rollte er ins meer hinein,
und dort versank der kleine stein.
joachim ringelnatz
gut zu wissen
- At Oktober 14, 2023
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es ist gut zu wissen,
dass alle zwölf sekunden
irgendwo auf der welt
ein gedicht geschrieben,
aber nur alle einhundertdreissig minuten
eines gelesen wird.
es ist gut zu wissen,
wo der whiskey steht
und wo die dose
mit dem aspirin,
wo bartel den most holt
und man sich den tod,
wo der schalter ist für EIN
und wo der für AUS.
dass nur wer nichts sucht,
alles finden kann
und dass angesichts
der ungezählten minderheiten
die wenigen mehrheiten
eindeutig in der minderheit sind.
es ist gut zu wissen,
dass alles, was wir sagen,
gegen uns verwendet werden kann,
aber auch alles, was wir nicht sagen.
und es ist gut zu wissen,
dass die liebe
ein vorübergehender zustand
zwischen zwei
zu über 70 prozent aus wasser
bestehenden verbindungen ist
und dass da schon mal
tränen fliessen können.
michael augustin –
[aus: was gut zu wissen ist]
Der Schutzengel
- At Oktober 14, 2023
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Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,
wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.
Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,
und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen, –
du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,
der dich ergänzt in glänzendem Relief.
Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.
Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,
ich bin das langsame und bange Amen,
das deine Schönheit scheu beschließt.
Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,
wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien
und wie Verlorengehen und Entfliehn, –
da hobst du mich aus Herzensfinsternissen
und wolltest mich auf allen Türmen hissen
wie Scharlachfahnen und wie Draperien.
Du: der von Wundern redet wie vom Wissen
und von den Menschen wie von Melodien
und von den Rosen: von Ereignissen,
die flammend sich in deinem Blick vollziehn, –
du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,
aus dessen siebentem und letztem Tage
noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage
verloren liegt…
Befiehlst du, daß ich frage?
Rainer Maria Rilke
Lack of imagination
- At Oktober 14, 2023
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Anyone who lives within their means suffers from a lack of imagination.
Oscar Wilde
durch die nacht gedacht
- At Oktober 14, 2023
- By nachtigall
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Waren es diese Gedanken die in den Morgennebel hingen, dicht über dem Wegrand. am Hügelsaum der Zaun. Worte waren zaunlos. Gedanken brauchten diesen. Wie würden die Bilder sonst ausufern, wie der Regen heute und gestern, pausenlos, ohne Unterbruch, ohne die Überlegung nach einem Sinn. Nacht wäre es ein Traum. am Tag jedoch war es etwas Unerlaubtes, die Worte die einfach aus einem Inhalt der Zeilenzwischenräume zu fallen schienen, auf den Unterton, vielleicht, der Fussnote. Randnotiz, Querverweise, die beiseite gelegt werden können, als nicht wesentlich in den Papierkorb geworfen, dort zerknüllt warten, darauf, dass etwas geschieht. das Geschehen um einen zerknüllten Zettelberg würde sich zu drehen beginnen, sobald er in einem Museum läge oder hinge, je nachdem. Ich beschloss diesen Absatz und dachte weiter, weiter einem Zaun entlang, der sich im Dschungel verlief, auflöste vielleicht zu einer Liane, niemand kann das sagen, der nicht träumt am Tag.