Das Geschlecht der Sonne

Ich mache es wie meine Katze
und werfe mich auf den Rücken

klar
so mit dem weichen Bauch nach oben
das macht verletzlich

trotzdem
ich traue jetzt einfach den ersten hellen Tagen
mach mich breit
und strecke Arme und Beine weit von mir
um ganz viel zu spüren
von den vielen Sonnenfingern
die um meinen Nabel kraulen

seit heute bin ich mir auch sicher
die Frühjahrssonne ist eine Frau
so sanft streicht ihr Atem über mein Gesicht
und erst später
im Sommer
wenn sie prahlerisch wird
und grob
dann erst
wechselt sie das Geschlecht

Worte

Mehr als Worte habe ich nicht
aber manchmal gelingt es mir
ein paar Nebeltropfen damit Schock zu frosten

wenn ich schnell genug bin
und hart zupacke
kann es sein
dass sich kleine Wortkristalle bilden
die mir knirschend vor die Füße fallen

es erstaunt mich immer wieder
was ich darin so sehe

Liebespaare
die sich küssend ihre eigene Welt erschaffen
müde Lagerarbeiterinnen
die vor rostigen Hallentoren anrauchen gegen ihre Traurigkeit
frierende Mädchen
die an urinstinkenden Bushaltestellen auf das Leben warten
und ab und zu grinse ich mich selber an
und erschrecke vor meinem Altmännergesicht

es ist nicht immer schön
was vor mir liegt
oft sind es nur groteske Splitter lange schon verblichener Bilder

aber ohne Worte
wäre gar nichts
ohne Sprache bleiben keine Spuren

Frauen im November

Hinter blickdichten Strumpfhosen
und kratzigen Winterröcken
verstecken sie sich
vor der kantigen Novemberluft

trockene Heizungswärme
hat schorfige Flecken
in die Gesichter gedrückt
und den Fingern
die Weichheit geraubt

die Touristinnen in den Altstadtgassen
sehen so aus als ob sie Heimweh plagt
und blicken
um nicht lächeln zu müssen
ganz weit an mir vorbei

ich kanns nicht glauben
sind das die durchsichtigen Falter
die noch vor kurzem
mit betörend bunten Flügeln winkten
um nicht übersehen zu werden

Ein altmodisches Herbstgedicht

Der Sommer schöpfte hemmungslos aus allen Regenbogenfarben
band unbekümmert
gelb rot blau und grün aneinander
und vermischte es so lange
bis keines mehr wusste
wer es anfangs war

jetzt im November gibt es kaum noch Farben
alles Laub am Boden ist braun und modrig

trotzdem
wer genau hinsieht merkt
keines der gefallenen Blätter gleicht dem anderen

alle sind sie braun
und doch hat jedes seine eigene Färbung
die es
oft nur um einen leisen Schattenton
von den andern unterscheidet

es ist nicht die Anzahl der Farben
die weniger geworden ist
nur die Abstände zwischen ihnen sind jetzt kleiner

Bitte melden

Sie dauern seitdem ich denken kann

die Friedensverhandlungen mit mir
kommen nur sehr zäh voran

einen brüchigen Waffenstillstand habe ich erreicht
mehr nicht
der Kriegszustand ist nicht aufgehoben
der Frontverlauf bleibt unklar
mit dem Aufflammen von Gefechten muss gerechnet werden

der Angstnachschub floriert ungebrochen

auf unterirdischen Autobahnen
rollen weiter schwere LKWs
und halten mit ihrer Ladung
von der niemand genau weiß woher sie kommt
das Misstrauen in mir wach

die Aufforstung meiner Unterwasserwälder
kommt kaum voran
die Schneisen der Zerstörung
sind weithin sichtbar
die wilden Trampelpfade
kaum mit Flaum bedeckt

falls jemand weiß
wie man in der Sache zu einem dauerhaften Ergebnis kommt
möge er sich bitte bei mir melden