Ein (fast?) perfekter Mörder

I.
Sie lag jetzt ganz still vor ihm. Schwarze Haare, etwas zerzaust. Schlank. Reglos. Mit weit geöffneten Augen, scheinbar auf die dichten Büsche gerichtet. Als wollten sie diese genau betrachten, ihr Bild zur Erinnerung einprägen. Er stand leicht vorgebeugt an ihrem Fußende. Ließ seine Augen über die kleine Lichtung wandern. Sah zunächst alles nur verschwommen. Zerfließende Umrisse. Ungewohnte Farben. Wie in einem Traum. Nach und nach fingen seine Augen zunehmend schärfere Bilder ein. Die Farben wurden vertrauter. Er richtete sich langsam auf. Er begann, die Umgebung zu prüfen. Kein erkennbarer Hinweis auf seine Anwesenheit. Vielleicht einige Fasern im Gras. In Ermangelung eines Rechens nahm er seinen Kamm und säuberte die Wiese um das Mädchen herum.  Frisch gekämmt sah die Wiese sehr adrett aus. Unberührt bis auf Spuren von seinen Schuhen. Laufschuhe mit üblichem Profil. Er betrachtete sie von oben herab. Sie würden eine Zierde jeder Altschuhsammlung sein. Er würde zu verhindern wissen, dass Erde von den Sohlen in seinem Auto zurück bleiben würde. Neue Laufschuhe lagen dort schon bereit. Den Overall, den er trug, würde er in den Plastiksack in seinem Auto stecken. Zu den andern getragenen Sachen. Die Altkleidersammlungen nahmen gerne Kleider an. Man wusste nie genau, ob sie in den Reißwolf wandern würden oder in die dritte Welt. Der Kamm würde sicher auch Verwendung finden. Die Vögel, die die Lichtung überflogen, würden ihn nicht verraten. Es waren schließlich keine Kraniche, sondern Krähen. Auf die Verschwiegenheit der Lichtung mit ihrer dichten Heckenumzäunung konnte er sich verlassen, da war er sich sicher. Irgendwann würden Hunde die Witterung aufnehmen und den reglosen Körper aufstöbern. Irgendwann. Wenn er schon weit weg sein würde. Wenn die Altkleider- und Schuhbehälter geleert sein würden. Übermorgen. Später. Irgendwann.
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Jahresendlich

Ein letztes Mal, in diesem faltenreichen Jahr,
kriecht mir die kalte Nebelluft in meinen Mantel,
setzt sich in den Gedanken fest, in Stoff und Geist.
Doch dann zerreißt – mit einem Schlag – das stille Warten.

Der Nachtwind dreht (das Stundenglas),
der Sand verrinnt,
bis der Sekundenzeiger diesen Kreis durchbricht,
kurz steht, und in den tiefgefurchten Runden,
statt Rückwärts nun nach vorne geht.

Und als mein Heimweg mich vorbei am Industriegelände führt,
folgt mir noch einmal dieses Rauschen,
aus den längst stillgelegten Schloten,
das mir dein Lächeln – flockengleich und weich –
durch meine Adern treibt,
zum schwefelgelben Himmel steigt,
und (endlich) schweigt.

© Simone Keil 2008

Ein Baum und ich

Ein Baum und ich

gewachsen aus einem Samen,

gespalten in viel Äste,

gekämpft mit vielen Stürmen,

gebrochen an der Kraft des Windes,

erblüht in der Wärme des Frühlings,

trägt Früchte durch die Kraft der Sonne,

verliert Blätter und Farbe im Herbst,

steht nackt und einsam im Winter,

hat nur noch die Hoffnung,

Hoffnung auf den Frühling.

Ein Baum und ich

haben viel gemein.