Langsamkeit

Alles in der Natur geschieht langsam. Der Baum braucht Jahrzehnte, um stark und mächtig zu werden; die Städte, die der Natur noch nahe sind, bildeten sich in Jahrhunderten; Flußtäler sind das Werk von Jahrtausenden, und die Gebirge brauchen Jahrmillionen, um empor zu wachsen. Die Natur kennt keine Hast. Der Mensch erst hat die Hast in die Welt gebracht. Der Mensch der Großstadt ist ein Sklave der Hast. Alles will er überstürzen: Atmen, Gehen, Sprechen, Essen, Schreiben, Lesen – nichts geschieht mehr in der gelassenen Ruhe, mit der die Blumen wachsen, die Rehe äsen, die Flüsse dahinziehen. „Zwinge dich zur Langsamkeit!“ sagt Novalis. In der Langsamkeit liegt das Geheimnis des Reifens. Reifen braucht Zeit, ob es Früchte sind oder Staaten oder große Gedanken.

Helmuth Presser: „Der stille Weg“

Vorfrühling

Aus tiefem Schlaf erwacht
liegt er auf der Lauer.
Steif reibt er sich harsche Schneereste
aus dem Gesicht.

Geduldig erwartet er die erste weiche Brise,
die die tauwassernasse Luft nach Norden drängt.
In anschwellenden Zweigen verbirgt er sich
vor dem scharfen Nachtatem des Winters.

Geruch der Erde,
Gesang der Vögel,
immer leichter wird die Welt.